Normalwerte und Gesundheitskontrolle bei Ziegen

 

Eine gesunde Ziege erkennen und Veränderungen frühzeitig wahrnehmen

 

Eine regelmäßige Beobachtung des eigenen Tierbestandes ist eine der wichtigsten Maßnahmen, um Erkrankungen frühzeitig zu erkennen.

 

Wer seine Tiere im gesunden Zustand kennt, bemerkt Veränderungen meist schneller und kann besser einschätzen, ob zunächst eine weitere Beobachtung ausreicht oder ob tierärztliche Hilfe erforderlich ist.

 

Neben dem Verhalten und dem äußeren Erscheinungsbild können auch einige Vitalwerte Hinweise auf den Gesundheitszustand geben.

 

 

 

Normalwerte einer erwachsenen Ziege

 

Als Orientierung können bei einer erwachsenen Ziege in Ruhe folgende Werte herangezogen werden:

 

VitalwertErwachsene ZiegeKitz
Körpertemperatur, rektalca. 38,3–39,0 °Cca. 38,5–39,5 °C
Pulsfrequenzca. 60–80 Schläge/Minuteca. 100–120 Schläge/Minute
Atemfrequenzca. 10–30 Atemzüge/Minuteca. 20–40 Atemzüge/Minute
Pansenmotoriketwa 2 Kontraktionen innerhalb von 3 Minuten

 

Wichtig: Die genannten Werte dienen als Orientierung. Alter, Aufregung, körperliche Belastung, Außentemperatur, Trächtigkeit, Laktation und andere Faktoren können die Werte beeinflussen.

Vitalwerte sollten deshalb möglichst am ruhenden Tier beurteilt werden.

 

Hinweis

Hohe Umgebungstemperaturen oder Stress können die Temperatur und die Frequenzen erhöhen. 

 

 

 

Körpertemperatur messen

 

Die Körpertemperatur wird bei der Ziege rektal mit einem geeigneten Fieberthermometer gemessen.

 

Das Tier sollte dabei ruhig gehalten oder sicher fixiert werden. Das Thermometer wird vorsichtig in den Mastdarm eingeführt.

Eine erhöhte Körpertemperatur kann auf eine Erkrankung hinweisen, muss aber immer im Zusammenhang mit dem Allgemeinzustand und weiteren Krankheitsanzeichen beurteilt werden.

 

Wichtig: Auch Aufregung, Bewegung und hohe Umgebungstemperaturen können die Körpertemperatur vorübergehend erhöhen.

Bei deutlich erhöhter Körpertemperatur oder gleichzeitig auftretenden Krankheitsanzeichen sollte die Ursache tierärztlich abgeklärt werden.

 

 

 

Puls messen

 

Der Puls kann bei der Ziege gut an der Innenseite des Oberschenkels ertastet werden.

 

Zur Bestimmung der Pulsfrequenz können beispielsweise 15 Sekunden lang die Pulsschläge gezählt und anschließend mit vier multipliziert werden.

 

Achten Sie nicht nur auf die Anzahl der Schläge, sondern auch darauf, ob der Puls regelmäßig und gut tastbar ist.

 

Eine erhöhte Pulsfrequenz kann beispielsweise durch Aufregung, Bewegung, Schmerzen oder erhöhte Körpertemperatur verursacht werden.

 

 

 

Atemfrequenz beobachten

 

Die Atemfrequenz lässt sich am einfachsten beobachten, wenn das Tier ruhig steht.

 

Von hinten kann beobachtet werden, wie häufig sich die Bauch- beziehungsweise Flankenregion hebt und senkt.

 

Die Atmung sollte möglichst in Ruhe beurteilt werden.

 

Auffällig sind beispielsweise:

  • deutlich beschleunigte Atmung

  • erschwerte Atmung

  • starkes Mitatmen des Bauches

  • Husten oder ungewöhnliche Atemgeräusche

  • Atmen mit geöffnetem Maul

  • deutlich sichtbare Atemnot

     

Atemnot ist immer ernst zu nehmen und sollte unverzüglich tierärztlich abgeklärt werden.

 

 

 

Pansenmotorik beurteilen

 

Die Bewegungen des Pansens können auf der linken Körperseite im Bereich der Hungergrube beurteilt werden.

 

Am zuverlässigsten ist die Untersuchung mit einem Stethoskop. Alternativ kann bei einem ruhigen Tier auch direkt auf die Geräusche geachtet beziehungsweise vorsichtig gefühlt werden.

 

Als Orientierung können bei einer erwachsenen Ziege etwa zwei Pansenkontraktionen innerhalb von drei Minuten erwartet werden.

 

Deutlich verminderte oder fehlende Pansenbewegungen können auf eine Störung der Verdauung oder des Allgemeinzustandes hinweisen und sollten entsprechend beurteilt werden.

 

 

 

Nicht nur messen – die Ziege ganzheitlich beurteilen

 

Vitalwerte allein sagen noch nicht, ob eine Ziege gesund ist.

 

Eine gute Gesundheitskontrolle beginnt deshalb bereits mit der Beobachtung aus einiger Entfernung.

 

Sehen und beobachten

Achten Sie unter anderem auf:

  • Verhalten und Aufmerksamkeit

  • Körperhaltung

  • Bewegungsablauf und Lahmheit

  • Körperkondition

  • Haarkleid

  • Augen und Schleimhäute

  • Haut und sichtbare Verletzungen

  • Kotabsatz und Kotbeschaffenheit

  • Urinabsatz und gegebenenfalls Auffälligkeiten

  • Fress- und Trinkverhalten

  • Wiederkauaktivität

     

Hören und horchen

Achten Sie beispielsweise auf:

  • Husten

  • ungewöhnliche Atemgeräusche

  • Keuchen oder Rasseln

  • Stöhnen

  • ungewöhnliches Schreien

  • Zähneknirschen

  • veränderte Pansen- oder Darmgeräusche

     

Fühlen und tasten

Durch vorsichtiges Abtasten können beispielsweise festgestellt werden:

  • Schwellungen

  • auffällige Wärme oder Kälte einzelner Körperbereiche

  • Verletzungen

  • schmerzhafte Reaktionen

  • Veränderungen der Haut oder des Gewebes

 

 

 

Ein fester Ablauf erleichtert die Gesundheitskontrolle

 

Es ist sinnvoll, die Tiere möglichst immer nach demselben Schema zu beurteilen.

 

1. Beobachten

Zunächst wird die Ziege aus einiger Entfernung betrachtet.

Wie verhält sie sich?

Frisst sie?

Bewegt sie sich normal?

Steht oder liegt sie ungewöhnlich?

Zeigt sie Lahmheit oder eine veränderte Körperhaltung?

 

2. Auffälligkeiten näher untersuchen

Bei Auffälligkeiten sollte das Tier ruhig eingefangen und genauer untersucht werden.

Nun können – soweit erforderlich – Körpertemperatur, Puls, Atmung und Pansenmotorik überprüft werden.

 

3. Ergebnisse dokumentieren

Auffälligkeiten und gemessene Werte sollten möglichst schriftlich festgehalten werden.

Bei einer tierärztlichen Untersuchung können diese Informationen sehr hilfreich sein. Sie geben Auskunft darüber, wann eine Veränderung erstmals aufgefallen ist und wie sich der Zustand entwickelt hat.

 

 

 

Die Situation bei der Messung berücksichtigen

 

Vitalwerte sollten möglichst am ruhenden Tier gemessen werden.

 

Aufregung und körperliche Belastung können beispielsweise durch

  • Treiben der Tiere,

  • Rangkämpfe,

  • Einfangen und Fixieren,

  • Transport,

  • hohe Außentemperaturen

 

zu vorübergehenden Veränderungen von Puls, Atmung und Körpertemperatur führen.

 

Bei auffälligen Werten kann es deshalb sinnvoll sein, das Tier zunächst zur Ruhe kommen zu lassen und die Messung anschließend zu wiederholen.

 

Bei deutlichen Krankheitsanzeichen sollte eine notwendige tierärztliche Abklärung jedoch nicht durch wiederholte Messungen verzögert werden.

 

 

 

Wann sollte der Tierarzt verständigt werden?

 

Nicht jeder vom Normalwert abweichende Messwert bedeutet automatisch eine schwere Erkrankung. Entscheidend ist immer das Gesamtbild.

 

Tierärztliche Hilfe sollte insbesondere dann hinzugezogen werden, wenn:

  • das Tier deutlich apathisch oder sehr schwach wirkt,

  • es nicht oder deutlich weniger frisst,

  • Atemnot besteht,

  • starke Schmerzen oder Krämpfe auftreten,

  • das Tier nicht mehr aufstehen kann,

  • wiederholt oder stark Durchfall auftritt,

  • die Körpertemperatur deutlich verändert ist,

  • mehrere Tiere gleichzeitig erkranken,

  • ein Tier plötzlich und ohne erkennbare Ursache verendet,

  • sich der Zustand eines Tieres innerhalb kurzer Zeit deutlich verschlechtert.

     

Bei akuten Notfällen sollte nicht abgewartet werden, bis sämtliche Vitalwerte erhoben wurden.

 

 

 

Ruhiger Umgang ist Teil der Gesundheitskontrolle

 

Gerade ein krankes oder geschwächtes Tier kann wesentlich empfindlicher auf Stress reagieren als ein gesundes Tier.

Deshalb gilt: Ruhe bewahren und ruhig mit dem Tier umgehen.

 

Unnötiges Treiben, Lärm und hektische Bewegungen sollten vermieden werden. Bei unruhigen oder größeren Tieren kann eine zweite Person beim sicheren und möglichst stressarmen Halten unterstützen.

 

Eine ruhige Untersuchung ist nicht nur angenehmer für das Tier, sondern ermöglicht häufig auch zuverlässigere Messwerte.

 

 

 

Gut zu wissen

 

Sie kennen Ihre Ziegen am besten. Wer seine Tiere täglich beobachtet, erkennt häufig schon kleine Veränderungen, bevor deutliche Krankheitsanzeichen auftreten. Deshalb ist nicht nur der einzelne Messwert wichtig, sondern vor allem die Frage: „Ist diese Ziege heute so, wie ich sie normalerweise kenne?“

 

 

 

Weiterführende Informationen

 

Weitere Informationen rund um die Gesundheit von Ziegen finden Sie in unter anderem in unserem Bereich „Haltung & Gesundheit“ sowie in unseren Buchhinweise zur Tiergesundheit.